Bürgeraktion Bessungen-Ludwigshöhe

Pressespiegel 2006



„Bessunger Neue Nachrichten“ vom 10. Januar 2006
40 Jahre
Bürgeraktion Bessungen-Ludwigshöhe e.V.
Festkommers am 5. November 2006 im Petrusgemeindehaus

(jas). Der Wind bläst kalt, als die Kirchenglocken der Bessunger Kirche zum Gottesdienst läuten, bunte Blätter tanzen um die zum Teil etwas zu leicht bestrumpften Beine der Kirchgänger. Es herbstelt schon ordentlich, aber davon läßt sich niemand die gute Laune verderben. Viele sind gekommen; und schnell verschwinden sie alle im warmen Gotteshaus auf ihren Plätzen und lassen das dunkle Wetter vor der Türe.

Die Orgel braust unter den geschickten Fingern von Kantor Joachim Enders, es breitet sich andächtige Ruhe aus. In einer bewegenden Predigt erklärt Pfarrer Manfred Raddatz, wieviel der Reformationstag, der an diesem Sonntag (5.11.) im Mittelpunkt steht, mit der Freude über die Freiheit zu tun hat. Christus habe zur Freiheit befreit, das gelte es zu feiern. Fröhlich und mit viel Lust am Leben gibt sich dabei auch das Geburtstagskind dieses Jahres, das von Manfred Raddatz die herzlichsten Glückwünsche erhält: Die Bürgeraktion Bessungen-Ludwigshöhe, kurz BBL. 1966 unter dem Namen „Vereinigung zur Förderung der Bessunger Kerb“ gegründet – mit dem Ziel, der etwas eingeschlafenen Bessunger Kirchweih wieder auf die Sprünge zu helfen, und später ergänzt um den gemeinnützigen Verein „Bürgeraktion Ludwigshöhe“, der sich um den Erhalt der Ludwigshöhe verdient gemacht hatte – ist die BBL eine Institution im schmucken Darmstädter Ortsteil geworden.

Gemeindepfarrer Manfred Raddatz, der selbst einen runden Geburtstag feiern konnte und damit dem gleichen schwungvollen Jahrgang wie Erich, pardon, Charly Landzettel angehört – beide sind sie sechzig – blickt dabei auf eine langjährige, gute und enge Zusammenarbeit mit den Mitgliedern des Vereins zurück. Er betont, wie wichtig diese Vernetzung für alle Beteiligten sei.

Kirche, Kerb und Karneval, warum die drei K in Bessungen nicht mal anders deklinieren? Auch der KVB (Karnevalverein Bessungen) gehört nämlich bei der Feier im Anschluß an den Gottesdienst zu den Gratulanten. Und beim Gratulieren geben sich Darmstädter Größen quasi das Mikro in die Hand. Über die Bühne führt selbstverständlich der aktuelle Vorsitzende und Motor des Vereins, Charly Landzettel, der qua vita Teil des Komikertriumvirats Hotz-Hellriegel-Landzettel, kurz HHL, ist. 18 Jahre stand er an der Spitze der Bessunger Kerb, Roland Hotz machte den Job 12 Jahre lang und Ralf Hellriegel ist seit vier Jahren unter den Zylinder geraten – die Kerbe-uralt-, alt- und neu-Väter bekommen ordentlich viel Lob für ihr zwerchfellerschütterndes Talent und zwar von keinem geringeren als vom frisch gekürten Ehrenpräsident Heinz Reinhard. Dabei hat es Reinhard selbst gar nicht so sehr mit so was. An seinem achtzigsten Geburtstag erklärte er seinen Gratulanten: „Lasst Eure Zettel und die Lobhudeleien daheim, die könnt Ihr für meine Beerdigung aufheben – jetzt trinken wir einen.“ Und Auszeichnungen hat er nicht mehr angenommen, seit er das „Verwundetenabzeichen in Silber“ erhalten hatte. Aber den Ehrenvorsitz kann er nicht ausschlagen, da macht er die einzige Ausnahme. Dafür gibt es jede Menge Applaus. Ein bisschen kritisch wird er dann noch. Wünscht sich, daß die Bessunger um die Ausweitung des Kerbgeländes in der Orangerie kämpfen und ja nicht nachlassen sollen.

Die Chronik des Vereins beginnt irgendwo im April vor vierzig Jahren, am damaligen Stammtisch „Alte Knochen“ in der damaligen Bessunger Turnhalle. Ein paar bierselige Herren beschlossen: mit der Kerb, „do misse mer was mache!“. Gesagt getan. Etliche der Altvorderen aus der Gründungsrunde waren denn auch zum 40. Geburtstag gekommen: Heinz Reinhard, Fritz Geiger, Berthold Schmidt und Reinhold Friebel. Namen, Gesichter, Geschichten. Wer das genauer wissen will, schaut einmal in die sehr schön gemachte Festschrift des Vereins. Die beiden größten Ereignisse in der Geschichte der BBL waren die 100-Jahrfeier der Eingemeindung Bessungens zu Darmstadt im Jahr 1988 und die 1.000-Jahrfeier der Bessunger Kirche 2002. Engagement für die Ludwigshöhe, für die Kerb und für das Brunnenbittfest ist die Konstante.

Oberbürgermeister Walter Hoffmann hob in seiner Ansprache hervor, daß die BBL nicht einfach gegen etwas ist, wie so viele, sondern daß der Verein einiges bewegt. Hier gebe es Originale mit viel Herz, welche die BBL so sympathisch machten. „Die BBL ist die Stimme Bessungens“, sagt er und verspricht die Unterstützung der Stadt. Landzettel gibt sanften Druck, indem er davon ausgeht, daß eine Unterstützungs-Überweisung an den Verein folgt. Und überhaupt gibt es viele Geschenke.

Das Spitzen-Buffet – zubereitet vom „Meister Schmackes“ Günther Hamel – wurde ergänzt mit einem schmackhaften „Mini-Watz“ (Spanferkel), welches der dienstälteste Kerbevadder der Stadt, Freund „Pezi“ aus dem Watzeviertel mitgebracht hat. Als Gegengeschenk für die 25 Lappings, die zu deren Jubiläum am 8. März 2002 aus Bessungen kamen (diese Häschen waren allerdings alle lebendig). Auch Wolfgang Koehler von der Darmstädter Brauerei läßt sich nicht lumpen und trägt dem Charly Landzettel das Bier eigenhändig auf die Bühne. Manfred Korkesch vom KVB springt zum Gratulieren wie ein junger Lapping auf die Bühne und aus der Heimstättensiedlung kommt vom Vorsitzenden des dortigen Bürger- und Kerbverein (BKV) die Zusicherung und das Versprechen, daß in Zukunft keine Bessunger Kerbebäume mehr in der Siedlung „verwahrt“ werden. Auch aus Eberstadt kamen die Glückwünsche und es gingen Genesungswünsche zurück. Evelyn Schenkelberg, Kerwemutter aus Darmstadts südlichstem Stadtteil, ließ sich – erkrankt – von ihrem Ehemann vertreten. Und dann wurde gefeiert, mit Musik von Sascha, einem tollen Essen, Sekt, Selters und Bier. Und was dabei alles passiert ist, wird später erzählt, spätestens bei der Kerberedd 2007. Wir sind schon jetzt gespannt …
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„Bessunger Neue Nachrichten“ vom 29. September 2006
Orangerie, Brunnebitt, Petrusgemeinde, Comedy Hall,
EAD, Krug & Co.
Bessungen feierte vier Tage lang „seine“ Kerb

„Wem is’ die Kerb?“ Herzlich begann die Bessunger Kerb mit der Kerbekranzübergabe. Mit Schulterklopfen und Umarmungen, für machen war auch ein Küßchen drin, begrüßten sich Bessunger, Siedler und Martinsviertler auf dem Heiner-Aßmuth-Platz. Sehr willkommen waren Willi Lotz und seine Shirehorses. „Do gibt's en Schoppe“, stellten Kerbgänger freudig fest und holten sich ein frisch gezapftes Bier vom Pferdewagen ab. Mit dem Dieter-Beßler-Spielmannszug vorneweg marschierten Kerbevadder Ralf Hellriegel, seine Adjutanten Carolin und Dennis, der BBL-Vorstand, Harald Böhm, der im Ganzkörperhasenkostüm den Bessunger Lapping gab, sowie ein größerer Anhang zum Orangeriegarten.

Dort angekommen, wurde der Kranz mit roten Bändern sowie dem „Wappentier“, dem Lapping bestückt. Charly Landzettel erklärte die Kerb für eröffnet, der Kerbemarsch erklang und der neu gekaufte Kerbekranz wurde hochgezogen (denn der alte Kranz ist im Watzeviertel leider vertrocknet – Anm. d. Red.).

Kerbevadder Hellriegel begrüßte die große Schar von Anwesenden in „Darmstadts schönstem Gadde“ mit dem Schlachtruf: „Wem is’ die Kerb?“ und freute sich auf selbige, „auch wenn ich mir den Magen verderb“. Pfarrer Manfred Raddatz meisterte schließlich ohne Spritzer oder Patzer mit exakt drei Hammerschlägen den Kerb-Bier-Anstich. Und los ging‘s.

„Kerb – ganz unter uns“ feierten die Bessunger am Abend im Gemeindesaal der Petrusgemeinde – weitgehend frei von lokaler Politprominenz, da diese die Wiedereröffnung des Staatstheaters feiern mußte. Stimmung machte zu Beginn und zwischendrin Entertainer Sascha mit seiner Orgel. BBL-Vorsitzender Charly Landzettel und dann der Kerbevadder begrüßten den vollen Saal. Hellriegel stellte seine Adjutanten vor und erklärte das Motto der Kerb: „Sorgen und Kummer haben jetzt Pause, wir feiern Kerb in Lappingshause“.

Die Turnerkinder der TGB eröffneten den bunten Abend mit einem Teddyballett. Begeisterungsstürme löste Harald Böhm als Nana Mouskouri aus. Dazwischen erinnerte Landzettel an die alten (Bessunger) Zeiten: 1977 das erste Nichtraucherlokal, 1980 das erste Gammelfleisch in einer defekten Kühltruhe, Heiner Aßmuth und die Frikadellen, 1982 Maden in der Bauverwaltung und einen dialektfreien Magistrat.

Angelina Bell sang und sinnierte mit ihrem Pianisten Daniel Helfrich über die Probleme mit Diäten. „Wenn Quark und Gurken gut fürs Gesicht sind, dann ist Leberwurst gut für moin’ faldische Hinnern.“ Dennoch wollte der Funke bei den kleinen gemeinen Liedern des Duos nicht so recht überspringen. Das Publikum stand mehr auf Schlager wie „Ich will keine Schokolade“. Die „Schlappings“ vom Karnevalverein Bessungen im goldenen Blazer und mit roten Pagenkopfperücken, ließen zu „Pretty Woman“ und „Big Spender“ lasziv Zigarettenspitzen und Beine kreisen. Wie es ausgeht, wenn man mit Fremdwörtern renovieren will, zeigten Charly Landzettel und Inge Schelle in einer Frühstückszene. Aber Pyrenäen, Pygmäen, Pigmente, Pergamente und Fragmente sind ja auch schwer zu unterscheiden. Ebenso Astronomen, Gastronomen, Gasometer und Kilometer. Mit „Mendocino“ und „Holzmichel“ ließ Sascha schließlich den Abend ausklingen.

Krug, Kerbwanderung und Kinderfest
Am Kerbesamstag öffnete der EAD in der Niersteiner Straße seine Tore. Rund 4.000 Besucher wollten wissen, wie es bei der städtischen Abfallentsorgung so zugeht. Infos zur Elektroschrott- und Sondermüll-Entsorgung gab es beim Internationalen Bund und der Hessischen Industriemüll GmbH (HIM). Kinder hatten Spaß auf dem Hüpfkissen, mit der Rollenrutsche und beim Kinderschminken. Wer hoch hinaus wollte, bekam Gelegenheit, mit einem Kran in 53 Metern Höhe einen Blick auf Darmstadt und Bessungen zu werfen.

Auch „Beim Krug“ standen und saßen im Hof und in der Worschtküch’ die Menschen beim traditionellen Frühschoppen dichtgedrängt und frohgelaunt.

Lina Geigers 10. historische Kerbewanderung hatte ein „rätselhaftes“ Ziel. Es sollte nach Afrika gehen, das in Bessungen liegt. Auf dem Weg über die Sandbergstraße erinnerte Lina Geiger ihr Gefolge an den Zigarrenladen der Familie Wenz und an die Kohlenhandlung an der Ecke zur Brüder-Knauss-Straße. An Stelle der Litfaß-Säule am Heiner-Aßmuth-Platz stand früher ein „Eisenbiest“, eine Wasserpumpe. Vorbei an den ehemaligen Kasernengebäuden in der Bessunger Straße – „da hat’s früher Lebensmittelmarken gegeben“ – ging es zur Ingelheimer Straße ins Atelier des Malers Dieter Breiholz. Der auch die Lösung des Afrika-Rätsels war. Denn Breiholz unterstützt mit seinen Arbeiten die Massai in Afrika. Die Gelder, die er aus Spenden und Verkäufen seiner großformatigen Massai-Portraits erzielt, unterstützen dieses Volk. Während die Wanderer in Ruhe ihren verdienten Kaffe und Kuchen zu sich nahmen, waren die Kinder und Jugendlichen beim 18. Bessunger Stadtteillauf im Orangeriegarten noch vollauf unterwegs. Wer keine Lust auf rennen hatte, konnte sich gleich nebenan beim Kinderfest anmelden und einen der vielen kleinen Preise abstauben.

Kerbeball und Kerberede
Einer der Kerbhöhepunkte war der „ganz besondere Kerbeabend“ am Samstag in der Comedy Hall. Vor einer Hinterhof-Kulisse eröffneten die „Poker Kings“ mit Gitarre, Bass, Waschbrett und Akkordeon den Abend. Dem Publikum gefiel‘s, aber nicht einer lautstarken Frau Hotz, die im Kittelschurz die Musiker verjagte. Um dann mit ihrer ebenso derb daherbabbelnden Nachbarin, einer Frau Landzettel, über Männer und Watzeviertler herzuziehen. „Wie kriegge sie en Watzeviertler aus der Badwann’? Wasser noilasse.“ Aber die beiden Else Klings in der mit über 250 Gästen ausverkauften Comedy Hall konnten auch nett sein. Wenn sie Blumensträuße an die Gattinnen von Darmstädter Honoratioren verteilten.

In seiner wegen Bandscheibenvorfalles ein-, aber eigenhändig geschrieben Kerberede erklärte Kerbevadder Hellriegel die wahre Aufgabe seiner „Bodyguards“ Carolin und Dennis. „Sie halten mich fern von jeglichem Weine, weil davon kriegt Kerbvater sehr runde Beine“. Mit „wenn der Konrad Duden wüßt’, was aus sei’m Buch geworden ist“, rechnete er mit der Reform der Reform der Rechtschreibreform ab. Und befürchtet, daß wenn das so weiter geht, der Sprachschatz „den Darmbach nunnergeht“.

Apropos: Die geplante Darmbachfreilegung war dem Kerbevadder viel zu kurz gegriffen. Er wollte den landgräflich geplanten Stichkanal zum Rhein! „Vom Woog hinaus uff’s off’ne Meer, das fänd ich super populär. Darmstadt, das Hafentor zur Welt, wir täten schwimmmen bald in Geld“, zudem gäb’s kein Innenstadtverkehr mit rußstinkende Laster mehr“. Statt Dönhoff- oder Hindenburgstraße sollte man besser „mit dem Quatsch uffhern und liewer poor Strooße neu teern.“

Sein Kommentar zum Abschuß des Bären Bruno erwies sich als doppelbödig. Wer genau hinhörte stellte fest, daß die Vorgänge in Bayern gar nicht so weit weg waren von der Darmstädter Querelen um den Trainer Labbadia.

Bei den Bundespolitikern vermisste Hellriegel Augenmaß. „Angie und Franz, bleibt euch verborgen, der Deutschen immer größ’re Sorgen? Alles im Land wird als mehr teuer, und ihr erhöht als mehr die Steuer.“ Der Mittelstand wird stiefmütterlich behandelt, aber „Monopole scheffeln milliardenweise Kohle.“ Der Kerbevadder hofft auf „Solidarität und Gerechtigkeit, „net nur für Bonze, auch für Leid.“ Den Lokalpolitiker riet er weniger „halbfertige Sache, dann braucht ihr auch keine Kehrtwenzel zu mache.“

Überraschend feierlich wurde die Kerberede bei den Glückwünschen. Denn der ganze BBL-Vorstand sang ein Ständchen aus der Feder des Kerbevadders – eigentlich eine kleine Hymne – für ihren langjährigen Vorsitzenden Charly Landzettel zum 60. Geburtstag. Der hatte davon nichts gewußt und hatte Tränen der Rührung in den Augen.

Zur Melodie von „Que sera“ sang schließlich der ganze Saal: „Charly L., das was du so alles leistest, das ist grell, für die Lappings bist und bleibst du ein Idol auf alle Fäll’, Charly L.“. Mit minutenlangem Applaus und anerkennenden Pfiffen feierte das Publikum seinen Charly Landzettel und ließ ihn hochleben.

Nach der Kerberede hatten die beiden Ratten „Abrazzo & Körbel“ vom Kikeriki Theater ihren Auftritt. Sie zeigten eindrucksvoll und witzig, wie schnell man Freundschaften schließen und mit dummen Sprüchen wieder verlieren kann. Eine „vollschlanke“ Nixe (Jochen Werner) mit „mehreren Taillen“ aus dem Prinz-Emil-Gartenteich berichtete in einem pikanten Lied u.a. von der Sorge, woher sie einen Mann bekommen soll. Und wie das so mit den Matrosen Jimmy und Johnny aus Havanna und Hawaii. In jedem Falle hatten der Travestiestar und sein Begleiter, der „Herr Schmidt“ die Lacher auf ihrer Seite.

Überraschungsgast des Abends war „Pete the Beat“ aus Berlin. Er präsentierte sich als lebende Beatbox und schaffte es mit Stimme und Mikrofon, nicht nur Schlagzeug, sondern auch E-Gitarren und Synthesizer zu imitieren. Das anfangs eher verhaltene Publikum gewann er schließlich durch die täuschend echte Imitation eines VW-Käfer-Motors und eines Trabbis sowie der Stimmen von Heinz Rühmann und Udo Lindenberg. Unschlagbar war Pete auch als rauschende Lili Marleen-spielende Grammophon-Schellackplatte. Ein echter „Hinhörer“.

Kirchgang und Kerbeumzug
Der Kerbsonntag beginnt pünktlich um 10 Uhr in der Bessunger Kirche bei Pfarrer Manfred Raddatz. Mehr oder auch weniger ausgeschlafen nehmen der Kerbevadder und sein Troß auf den Holzbänken Platz und feiern mit der Petrusgemeinde artig und andächtig den Kerbgottesdienst.

Der nachmittägliche Kerbeumzug unter dem Motto „Märchenhaftes Bessungen“ zieht dann Hunderte von Bürgern auf die Gass‘. Wer an der Strecke wohnt, hat seine Fenster mit bunten Luftballons und Girlanden geschmückt. Buchstäblich mit Pauken und Trompeten ging es los. Der blau-weiße Musikzug Darmstadt führte mit Pompom-schwingenden Mädchen den Umzug an. Darauf folgte das zylindertragende Kerbetrio in der Kutsche, dahinter die karottenwerfende BBL mit dem Ludwigshöhturm und einem sonnenblumenbekränzten Nachbau der Brunnebitt.

„Auf die Ohren“ bekamen die Zuschauer vom Musikzug Starkenburg. Die hatten es, wie auch die Majoretts der Turngemeinde Ober-Roden, der Carnevalverein St. Stefan, das SVE Trommelcorps, das Musikcorps Offenbach oder auch der Dieter-Beßler-Spielmannzug, leicht mit dem Kerbeumzugsmotto. Denn die Uniformen erinnerten an die Zeiten, als noch Grafen und Barone das Sagen hatten. Lecker Laugengebäck gab es bei der Zugnummer vom Kikeriki Theater. Märchenhaft mit Lappings auf einem Treckeranhänger sowie dem Schneewittchen und seinen sieben Zwergen. Das Möbelhaus Hempels hatte den Froschkönig zu Gast und ein Prinz verteilte seiner Rolle entsprechend Kekse.

Weinlaune konnte man beim Schoppen verteilenden Friedel Schlamp bekommen, gefolgt von den „Prickel Girls“ in einem champagnerfarbenen VW Beetle. Als Pferd hatte sich keiner verkleidet, die beiden Rösser vorm Wagen der Darmstädter Brauerei waren echt. Kommt der Mensch nicht zur Kirche, kommt die Kirche zum Menschen. Die Petrusgemeinde hatte vermulich deswegen Kirchturm und Brautgang im Schlepp. Mystisch folgte die Liebfrauengemeinde mit gregorianischen Gesängen. Die Kostüme der Schlappings vom Freitagabend schienen keine zu sein, denn die Mädels waren, im Pulk des KVB, immer noch rotperückt und im goldenen Blazer unterwegs. Der Karnevalverein Orpheum präsentierte sich märchengerecht mit Tiger-Lillys und Mädels in Zebra-Tops.

Western-Stimmung verbreitete der Square Dance Club mit seinen gerüschten Kostümen und Cowboy-Hemden. Als Rocker auf drei Motorrädern kam das Studio „Body Signs“ daher. Auf wundersame Wählerstimmenvermehrung in Bessungen hofften die mitziehenden Lokalpolitker (fast) aller Couleur.

Den Zauber Bessungens erhaschen wollten auch die Kerbeabordnungen aus Eberstadt, der Heimstätte, dem Martinsviertel und der Waldkolonie. Als Zauberer am Ball präsentierten sich die Radballer vom Velociped Club, die kickend durch die Gassen zogen. Auch wenn sie sich beim derzeitigen Tabellenstand lieber verzaubert hätten, so halten die Lilien-Fans „Alt-Bessungen“ ihrer Mannschaft dennoch die Treue.

Am Schluß des von Horst Uhrhan zusammengestellten, knapp 100 Motivgruppen starken Kerbe-Umzugs zeigte der EAD mit seinen Maschinen, daß das Wunder der sauberen Straße nur eine Sache der Ausrüstung ist.

Kerbfrühschoppen und Karussellfahrten
Rappelvoll war die Orangerie am Montagmorgen. Edgar Schimpf hatte auf seiner Orgel das Publikum auf Temperatur gebracht, als die bewährte Nana Mouskouri gestenreich die Rosen aus Athen und die Provence besang. Charly Landzettel begrüßte die Honoratioren der Stadt, darunter Oberbürgermeister Walter Hoffmann. Mit der Begrüßung des „Unglücksstadtbaurats“ Dieter Wenzel hatte Landzettel schließlich die Lacher auf seiner Seite. So und mit kleinen Seitenhieben gegen Watzeviertler angeheizt, wiederholte Hellriegel seine knapp 80 Minuten dauernde Kerberede vom Samstag. „Standing Ovations“ des Publikums zeigten, daß die Kerbrede gefiel und ankam.

Auch bei der Hymne für den „grelles leistenden Charly L.“ standen die rund 500 Schoppengäste auf und sangen fröhlich und lautstark mit. Dieses nachträgliche Geburtstagsständchen wird nicht nur Landzettel noch lange in Erinnerung bleiben.

Die anschließende Pilswanderung des BBL-Vorstands führte diesen über den gesamten Resttag in verschiedene Bessunger Lokalitäten und über den Kerbplatz. Als herausragende Höhepunkte sind hier zum einen die ausgedehnte Rast an der Brunnebitt zu nennen und die anschließende „Kollektiv“-Karussellfahrt mit Posaunenbegleitung von Christoph Wackerbarth.

Die Kerb is’ rum
Beim abschließenden Höhenfeuerwerk – das wie in jedem Jahr auch dieses Mal wieder seinesgleichen suchte – und einem letzten „Absacker“ bei den TGB-Handballern im Orangeriegarten, waren sie auch leider schon wieder vorbei, die vier wunderschönen Kerbetage in Bessungen.

Der „Lapping“ fand tags darauf nach dem Trauermarsch durch Bessungens Straßen seine symbolische Ruhestätte bis zum 14. September 2007 an der „Brunnebitt“.

„Tierisch“ ging es weiter im Petrus-Gemeindehaus beim traditionellen und abschließenden Heringsessen und einem letzten Dankeschön vom Vorsitzenden an alle Helferinnen und Helfer.
Bilder von der Bessunger Kerb 2006 finden Sie in unserer Chronik.
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„Darmstädter Echo“ vom 18. September 2006
Schönster Hasenstall: Die Comedy Hall
Bessunger Kerb – Die fein herausgeputzten Lappings sorgen mit Versen, Blödeleien und Gesängen für Stimmung

Ohne Seitenhieb auf die Martinsviertler geht’s nicht, obwohl der Bessunger Kerbevadder Ralf Hellriegel freudestrahlend ankündigt: „Sorgen und Kummer haben Pause, wir feiern Kerb in Lappinghause“. Für die Bessunger steht fest: Die Wätz sind mitverantwortlich für die Erderwärmung, denn zu deren Kirchweih schien, ganz gegen die Tradition, am Riegerplatz die Sonne.

Schönes Wetter erwartet man von jeher eigentlich nur im ältesten Stadtteil: Zwischen Weinfässern beim Gies oder Schlamp. Als Charly Landzettel dann noch verkündet, dass die Watzeviertler den Kerbekranz vertrocknen ließen, fällt ihm sogar ein Pudel ins Wort, womit die Festgemeinde schon in Stimmung ist.

Am Freitagabend ist sie zu Gast bei Pfarrer Manfred Raddatz im Saal der Petrusgemeinde an der Eichwiesenstraße. Zur mehrtägigen Kerb, zu der man den Kranz runderneuert hat, so dass er nun „in Darmstadts schönstem Gadde“ prangt, wird gleichzeitig auch der 40. Geburtstag der Bürgeraktion Bessungen-Ludiwgshöhe (BBL) sowie der Siebzigste von Piet van der Steeg gefeiert.

Die fein herausgeputzten „Karnickel“ bekommen einiges zu hören: Von der Madenplage in der Bauverwaltung etwa, der man mit Formularnummer 4711 entgegenwirken will, über Inge Schelles haarsträubendes Fremdwörterproblem bis hin zu skurrilen Auftritten einer Nana Mouskuri und eines Heino, die Harald Böhm zur Freude seiner Fans in neuem Glanz erscheinen lässt. Aber auch die Schlappings kommen mit Flair daher und bereichern mit Angelina Bell sowie Helga Nos und den TGB-Tanzkindern die Veranstaltung.

Die Lappings und ihre Gäste sind voll und ganz eingestimmt auf den Samstagabend, wo sich das närrische Treiben im schönsten Hasenstall, in der Comedy Hall, fortsetzt. Begrüßt werden sie von zwei Frauen in Kittelschürzen und Schlappen, die zwischen braunen Miedern in Übergröße, Mülltonnen und bröselndem Gemäuer in derbstem Hessisch frotzeln. Zündender Gesprächsstoff mit entsprechender Mimik dargeboten, entlockt den 250 Anwesenden immer wieder schallendes Gelächter. Und weil ein Gag auf den anderen folgt, bleibt bald kaum noch Luft zum Atmen.

Alle Entertainer, von der ulkigen Nixe mit ihrer „fleischgewordenen Seegurke“ aus dem Prinz-Emil-Garten-Teich über den unglaublich begabten Berliner Instrumenten-Nachahmer bis hin zu Ralf Hellriegel und seinen Adjutanten Carolin und Dennis zaubern auf jedes Gesicht ein Lächeln. In der kurzweiligen Kerbered‘ von Ralf Hellriegel kriegen die Politiker ihr Fett weg: Oberbürgermeister Walter Hoffmann muss sich gar eine angedichtete Geliebte gefallen lassen. Die nicht enden wollende Wandertour in Garmisch, aus der die Bessunger die Lehre ziehen, künftig nur noch auf ihren Hausberg zu kraxeln, zwingt zum Lachen. Ergreifend ist Hellriegels Lied „Charly L.“, das er zu Ehren des ehemaligen Kerbechefs ersonnen hat und das alle beherzt mitsingen.

Die Comedy Hall glänzt mal wieder mit schauspielerischen Talenten, wobei man den streitenden Punker-Ratten, die in einer Kiste über der Toilette des Restaurants „Hara Kiri“ wohnen, stundenlang zuhören könnte: Einfach genial, der italienische gelispelte Akzent der einen, der unverschämt komische Wortwitz der anderen. Ihr Gebabbel sollte – wie die Kerb – nie enden. Kerbevadder Hellriegel meint: „Wir feiern Kerb, wir feiern Kerb, bis ich sterb’“.
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„Darmstädter Echo“ vom 18. September 2006
Es regnet Süßigkeiten und Konfetti
Zwischen Moltkestraße und Leuchtturm prasselte es Papierschnipsel, Bonbons, Popcorn und Lutscher

Rechts und links säumen die Menschen Straßen und Gassen von Lappingshausen und bereiten dem Bessunger Kerbevadder samt seinem Tross einen würdevollen Auftritt. Ralf Hellriegel fühlt sich sichtlich geehrt, lacht vom Zweispänner und macht Handbewegungen, die denen des Papstes in Bayern nicht unähnlich sind.

Auch die Kerbeadjutanten sind gut aufgelegt, winken den treuen Bessungern zu, die ebenfalls heftig zurückgrüßen. Im Nu liegen auf dem Asphalt am Donnersbergring Konfetti, Bonbons, Popcorn und Lutscher, so dass Kinder aufgeregt hin und her rennen, sich bücken und den Eltern freudig ihre Beute bringen.

Die Erwachsenen haben ebenfalls alle Hände voll zu tun: Sie halten riesengroße Karotten, kleinere Weingläser und eingerollte Regenschirme fest. Letztere hätten sie sich sparen können: Der Himmel ist zwar bedeckt und die Luft schwül, doch er lässt den Festzug unbehelligt von der unteren Moltkestraße bis zum Leuchtturm ziehen. Immer wieder sieht man auf den Trottoirs kleine gemütliche Bistrotisch-Runden.

Auch Carmen René hat sich vor ihrer Haustür an der Weinbergstraße ein Plätzchen gesichert und lässt Korken knallen. Sie füllt die Gläser, die auf einem gebügelten, bestickten Deckchen stehen und sagt: „Es muss schon ein Crémant sein und ein bisschen Stil.“ Sie zwinkert ihrer Freundin Edith zu, sodann wippen die beiden Französinnen zu Rhythmen des Dieter-Bessler-Spielmannszugs. Dann kommen auch schon die sportlichen Fußballer und Tennisspieler mit Geschenkchen vorbei.

Vom Wagen mit der Brunnebitt regnet es Süßigkeiten, die Grünen bieten die Alternative: Sie geizen nicht mit Äpfeln; Weinexperten reichen Federweißer. Es wirbt der Waschsalon, die Fahrschule, die Gärtnerei und eine Ich-AG, aber auch das Technische Hilfswerk, die Feuerwehr und der Arbeiter-Samariter-Bund.

Sämtliche Politiker und Vereinsfreunde werden mit strahlenden Gesichtern gesehen. Hier röhren Harley-Davidson-Motorräder übers Pflaster, dort jede Menge schwarze Limousinen, und die beiden Kaltblüter, die Roland Hotz vom Kikeriki-Theater als „Schinkenmähren“ bezeichnet, sind auch wieder dabei.

Der Komödiant präsentiert sich wie immer gauklerisch. Diesmal zieht er mit seiner Crew ein Leiterwägelchen „dem Alltäglichen zum Trotz“. In Bessungen scheint wieder einmal alles auf der Piste: Posaunen und Trompeten, etliche Kaninchen, das Schneewittchen, zahlreiche Frösche, die „Prickel-Girls“ und auch Männer in Frauenkleidung.

Viele machen’s wie Edith und Carmen: Sie lassen den angebrochenen Spätnachmittag in den bekannten Weinlokalen oder auf dem Festplatz ausklingen.
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